wissen.leben.lesen › Manuel Köster

von

In Anlehnung an die Frage „Lektüre muss sein! Welche?“ aus der Interviewreihe „3 ½ Fragen an …“ aus der ZEIT stellen in dieser Reihe Angehörige der Uni Münster Bücher oder Artikel vor, die für ihre Lehre oder Forschung wichtig sind, die sie im Studium beeinflusst haben oder die sie aus anderen Gründen für empfehlenswert halten – vielleicht auch als Feierabend- oder Urlaubslektüre. 🙂


Achim Landwehr
Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie
Frankfurt a. M.: S. Fischer 2016.
› der Band steht unter der Signatur Aa 3,54 in der Bibliothek des Historischen Seminars im Fürstenberghaus zur Verfügung

Wer Geschichte studieren oder historisch arbeiten möchte, kommt nicht um die grundlegende Frage herum, was Geschichte eigentlich ist und auf welcher Grundlage wir heute behaupten können, Dinge über ‚die‘ Vergangenheit zu wissen. Diese Fragen werden in zahlreichen Einführungen und Handbüchern diskutiert. Der (mit gut 300 Seiten recht umfangreiche) Essay des Frühneuzeithistorikers Achim Landwehr unterscheidet sich von den gängigen Zugängen zu den erkenntnistheoretischen Grundfragen des Faches in seiner zeittheoretischen Fundierung und seinem konsequenten Konstruktivismus. Landwehr betont nicht nur den fundamentalen Unterschied von vergangener Wirklichkeit und heutiger Darstellung, von res gestae und historia rerum gestarum – dabei handelt es sich um eine geschichtstheoretische Grundannahme; Landwehr arbeitet darüber hinaus heraus, dass es sich auch bei der Vergangenheit um eine Konstruktion handelt.

Mithilfe der Konzepte der „Chronoferenz“ und der „Pluritemporalität“ verweist Landwehr darauf, dass es sich bei Vergangenheiten und Zukünften – jeweils im Plural – um Zeiten handelt, die von Menschen in spezifischen Situationen intentional erzeugt werden. Mittels historischer Forschung, aber auch durch die Wettervorhersage oder die Wirtschaftsprognose werden die im Titel genannten anwesend-abwesenden Zeiten erzeugt (ein Rückgriff auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns). Diese sind insofern anwesend, als wir hier und jetzt über sie sprechen, ja sie gegenwärtig für einen bestimmten Zweck herstellen; gleichzeitig sprechen wir aber über sie als etwas, das nicht mehr oder noch nicht existiert. Angesichts der Vielzahl simultaner Bezugnahmen auf unterschiedlichste Vergangenheiten und Zukünfte erscheint Landwehr die konventionelle, lineare Geschichtserzählung unangemessen. Er plädiert daher für neue historiographische Darstellungsformen, die er in Analogie zur Landschaft als „Zeitschaften“ bezeichnet.

Neben derartigen zeittheoretischen Aspekten kommen weitere grundlegende Fragen zur Sprache: Was sind eigentlich geschichtswissenschaftliche Quellen (und warum ist der Begriff problematisch)? Wieviel Fiktionalität steckt in der Geschichtsschreibung, und welche Rolle spielen Begriffe wie „Wahrheit“ und „Objektivität“? Sowie schließlich: Welche ethischen Konsequenzen ergeben sich für die historisch Forschenden?

Landwehr gelingt es in seinem Essay, komplexe theoretische Fragen auf eingängige und auch für Nichtspezialist:innen nachvollziehbare Weise zu diskutieren. Der Band liefert damit ein Beispiel für einen ausgesprochen seltenen Literaturtyp: ein Werk, das sowohl dazu geeignet ist, sich im Studium mit den fundamentalen erkenntnistheoretischen Fragen des eigenen Faches vertraut zu machen, also auch in der Lage ist, im Fachdiskurs neue theoretisch-konzeptionelle Impulse zu setzen. Dass der Band in den vergangenen 10 Jahren zu einem Standardwerk geworden ist, verwundert daher nicht.


Markus Müller (Hrsg.)
FMP. The Living Music
Berlin: Wolke Verlag 2022

Auf 400 reich bebilderten Seiten präsentiert der Band die Geschichte des mittlerweile eingestellten Berliner Musiklabels FMP (Free Music Production), über Jahrzehnte das führende Label für Free Jazz in Deutschland.

Die auf Interviews mit zentralen Akteuren (insbesondere Jost Gebers und Peter Brötzmann) basierende Darstellung geht über eine reine Firmengeschichte weit hinaus. Besonders lesenswert sind die Kapitel zu den grenzüberschreitenden Beziehungen mit Musikern in der DDR und zu den Festival- und Workshop-Formaten, die FMP etabliert hat.

Da der Band der Ästhetik verpflichtet ist, die das Label mit seinen Plattencovern verfolgte, ist er auch optisch ein Genuss. Fotografien der Musiker sowie Plattencover und Konzertplakate laden zum Schmökern ein, lassen sich aber in Verbindung mit den ebenfalls abgebildeten Verträgen und Korrespondenzen auch als Materialfundus für weitere historiographische Arbeiten verwenden.

Aufgrund seiner Ausmaße ist das Buch allerdings eher Feierabend- als Strandlektüre.


PD Dr. Manuel Köster
Institut für Didaktik der Geschichte

aktuelle Veröffentlichung:
Geschichtskultur in Systemen: Eine Theorie der Geschichtskultur

Kategorien: , ,

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Captcha wird geladen…

Weitere Beiträge